Mensch liest auf Berg in mit weiter Aussicht auf Tal und Wolken

Hier stelle ich etwas verzögert die Briefe aus dem Newsletter zur Verfügung. Viel Spaß beim Lesen!

Liebe Leute,

heute und hiermit geht’s los – viel Spaß beim Lesen!

Ich starte mit einer Frage, die mich seit vielen Jahren begleitet:

Wie kann Bewegung zu einer genussvollen Erfahrung werden, wenn Schmerzen, Unsicherheit, Ängste oder Scham ständige Begleiter sind?

Bewegung ist auf der einen Seite etwas Selbstverständliches, im Alltag kaum Beachtetes. Häufig nur wenn Symptome uns daran hindern. Auf der anderen Seite ist der Appell, ein gesundes Leben mit viel Bewegung zu führen, allgegenwärtig.

Irgendwo in diesem Spannungsfeld zwischen der eigenen, häufig unbewussten Körper- und Bewegungsrealität und dem bekannten Idealbild, befinden wir uns. Mit all unseren Bedürfnissen, Verpflichtungen, kleinen und großen Schweinehunden, Zweifeln, Schuldzuweisungen, Ausreden und Sehnsüchten.

Unser Körper funktioniert und ist das Werkzeug für die Dinge, die uns wichtig sind – oder eben Quelle von Unwohlsein und Leid.

Wollen wir Letzteres ändern, geht es häufig um ein lineares „um zu“. „Schmerzen oder Gesundheitswerte nicht gut? Mach mehr Bewegung, ernähre Dich besser oder nimm Medikamente.“ A + B = C

Doch Zeit ist knapp, anderes ist dringender. Deswegen: Effizienz sollte hoch sein, „die 3 besten Übungen gegen X“, damit es sich lohnt, wenn schon Bewegung, dann „richtig“, Pulsgurt anziehen, GPS-Uhr an, Trainingsbereich exakt eingestellt, App verbunden, Körpergewicht, Fett- und Wasseranteil gemessen und eingegeben. Dann: Tracking aller relevanten Gesundheitsdaten samt algorithmischer Verarbeitung für ein optimales Outcome. Schweinehund? Mit mehr Willenskraft gegen den Widerstand! Das ist ein Beispiel wie sich Selbstentfremdung zeigen kann.

Unsere Erfahrung von Bewegung und Körper orientiert sich entlang messbarer Werte, die uns Kontrolle, Effizienz und „Richtigkeit“ suggerieren. Ist alles richtig eingestellt, dann sollte auch alles gut sein. Die Realität sieht häufig anders aus. Ein so komplexer Organismus in einem so komplexen Umfeld ist schwierig in solch enge lineare Konzepte zu fassen.

Was fehlt bei dieser Betrachtung? Gibt es Aspekte von Körper und Bewegung, die mit diesen Gesundheitsparametern nicht erfasst werden? Womöglich sind diese für jeden/jede unterschiedlich?

Warum es sich lohnt, diese in sich zu entdecken? Vielleicht sind es Aspekte, die uns auf lange Sicht am Ball bleiben oder Bewegung sogar als natürlichen Zustand in unserem Leben erfahren lassen würden. Vielleicht sogar mit Freude und Leichtigkeit.

Beispiel: Die Erzählung mit zuerst genannter Perspektive wäre vielleicht: „Mein Kalorienverbrauch hat sich laut Fitness-Tracker dieses Training im Vergleich zum letzten Mal um 10% erhöht“.

Ein anderer Fokus könnte sein : „Heute habe ich mich in diesem einen Waldstück so lebendig und frei gefühlt, dass ich lächelnd und wie von alleine schneller geworden bin“.

Dieses Beispiel ist plakativ. Die beiden Erfahrungswelten schließen sich auch nicht aus.

Eine Idee:

Unseren Kompass gelegentlich alternativ auf Lebendigkeit ausrichten, ohne Hintergedanken wie Effizienz oder ein UM ZU. Einfach mal so aus Spaß am Ausprobieren, ob laufend, spazierend oder radelnd:

Den Fokus auf die Bewegung unserer Gelenke, auf den Kontakt der Füße zum Boden, auf das Brennen in den Muskeln, auf unser pochendes Herz, auf den Wind in unseren Haaren, auf den Morgentau auf unseren Wimpern, auf den Regen, der unseren Nacken runtertropft, auf das Sonnenlicht in unseren Augen, auf das Rauschen und Vogelgezwitscher in unseren Ohren, auf die Ganzheit all dieser Eindrücke zusammen.

Es gibt wenige Momente, in denen mir gleichzeitig zum Lachen und zum Weinen zumute ist. Diese sind solche. Es sind Erfahrungen von Lebendigkeit, die auch meine Schmerzen im Knie mit einschließen, auch das Bedauern über die Vergänglichkeit jugendlicher (Bewegungs-)Freiheit anerkennen. Sie helfen, einverstanden zu sein und Schönes wie Schweres gleichzeitig in sich zu halten.

Diese Erfahrung mache ich, unabhängig von irgendeiner Leistung, sowohl während eines gemütlichen Spaziergangs als auch während einer schnellen Laufrunde.

Meine „Messwerte“ sind dann ganz subjektiv: Genuss, Lebendigkeit, Verbundenheit, Friedlichkeit, Staunen, Trauer usw. Sehr unspezifisch, aber ohne Frage gesund. Würde ich währenddessen Messungen der Hormone oder des Nervensystems vornehmen, würde ich viel finden, aber praktikabel ist das nicht, würde eher die Stimmung stören.

UND: Nach so einem Lauf schaue ich gerne auf meine Lauf-Uhr und sehe mir die Werte und Fortschritte an.

Das ist erhebend, das andere erfüllend.

Es sind Momente, in denen es eine positive Erfahrung ist, in meinem Körper zu sein.

Kein selbstverständlicher Zustand, aber eine sehr gute Ausgangslage, um offen für Veränderungen zu sein. Für Veränderungen, die auf der Grundlage eines positiven Körper- und Bewegungsgefühls beruhen. Die uns ermöglichen, von innen heraus zu entscheiden, was das Richtige für uns ist. Die uns Vertrauen in uns selbst lehren.

Darum soll es im nächsten Brief gehen. Was können wir machen, damit uns gewünschte Veränderungen leicht fallen? Wie können wir inneren und äußeren Widerständen begegnen bevor sie auftauchen – oder ihnen vielleicht sogar die (neurophysiologische) Grundlage entziehen?

Herzliche Grüße,
Jonte

 

Liebe Leute,

in diesem Brief geht’s also weiter mit der Gestaltung von guten Voraussetzungen für Veränderung. Viel Spaß beim Lesen!

Ein Beispiel: Ich möchte mich mehr bewegen, doch die Zeit ist knapp. Abends nach der Arbeit, nach Versorgung von Kindern und Haushalt ist weder Kraft noch Motivation übrig. Meine Willenskraft reicht einfach nicht aus, dann lege ich mich doch lieber aufs Sofa mit Handy oder Laptop auf den Schoß. Leider es geht mir hinterher nicht wirklich gut damit, deswegen verurteile ich mich selbst. Aber das hilft auch nicht. So drehe ich mich im Kreis, obwohl ich eigentlich weiß, was ich tun „sollte“.

Das ist eine Gewohnheit. Gewohnheiten stabilisieren uns, auch wenn wir auf Dauer darunter leiden. Sie zu verändern löst subtilen Stress aus. Und davon haben wir ja schon genug.

In diesem Brief schreibe ich von einer Stellschraube, die wir drehen können, um uns das Leben hier etwas einfach zu machen.

Ein Dreh- und Angelpunkt bei dem obigen Beispiel: die Amygdala.

Die Amygdala (Mandelkern) ist eine mandelförmige Struktur tief im Gehirn, die zum limbischen System gehört und entscheidend für die Verarbeitung von Emotionen, insbesondere Angst, Stressreaktionen (Kampf-oder-Flucht-Reaktion) und die emotionale Gedächtnisbildung ist. Sie bewertet Reize und löst körperliche Reaktionen aus (z.B. im Nerven- und Hormonsystem).

Für uns in diesem Fall wichtig:

Nur wenn die Amygdala beruhigt ist, sind wir offen für Veränderung. Im reaktiven Angst- und Stressmodus greifen wir auf alte Verhaltens- und Spannungsmuster zurück – unsere Gewohnheiten.

Auf unser Beispiel bezogen: wenn wir durch Arbeit, Familie oder Medienkonsum gestresst sind (und unsere Amygdala vor Aufregung glüht) und wir uns dann vor die Wahl stellen „Jetzt Bewegen oder Sofa?“, dann fällt die Entscheidung ganz intuitiv auf die bewährte Strategie: Sofa, Fernseher oder Smartphone (bei Bedarf noch Junk-Food).

Aber der Kampf zwischen den Alternativen ist nicht fair: die Amygdala, die schon den ganzen Tag auf Hochtouren läuft, schaltet unser Großhirn aus (all unser Wissen) und will die schnelle Lösung. Sie bläht die Entscheidung zu einem Überlebenskampf auf, mit ihrem Favoriten „altes Muster (die Gewohnheit)“ als klaren Favoriten.

Sie aktiviert nämlich Flucht, in diesem Fall vor uns selbst und dem ganzen Kram um den wir uns immer kümmern müssen, den Reizen, denen wir ausgesetzt sind. Wir fliehen, indem wir uns betäuben oder uns in anderen Welten auf dem Bildschirm flüchten.

Kurzfristig funktioniert die Beruhigung durch das Gewohnte. Flucht ist immer akut. Langfristigkeit ist erstmal egal. Doch hier liegt auch das Problem, denn gerade Medien haben häufig eine weitere Aktivierung (Aufregung und Erregung) als Folge. Die Amygdala erschöpft und hängt in den Seilen. Erholt sind wir danach nicht.

Also was machen?

Faire Voraussetzungen schaffen.

Eine kleine Lücke zwischen Gedanke und Handlung.

Und in dieser Lücke: Amygdala beruhigen!

Ein paar allgemeine Schlagworte die helfen: Ein sicherer Raum, Bindung & Verbundenheit, Schmerz in handhabbare Bahnen lenken, Kompetenzgefühl in einer Sache und eine wahre Superkraft (die sehr schwer auszuhalten ist): Entschleunigung

Übungen:

  • Atemübungen (lange Ausatmung)
  • Achtsamkeitstechniken
  • Bewegung (einfache oder rhythmische Kreise, Spazierengehen),
  • Musik (langsame Melodien)
  • Berührung
  • ein langer Blick in die Ferne

Auf der anderen Seite stehen Dinge, die die Amygdala aktivieren. Es hilft, diese zu meiden oder sich das Umfeld so zu gestalten, dass man nicht ständig mit ihnen konfrontiert ist:

Meist kennen wir unsere alltäglichen Stressoren im analogen sozialen Umfeld, in den (sozialen) Medien, auf der Arbeit oder in der Familie. Weiter halten Schmerzen, Scham, Stress, Verunsicherung, Traumata, Ängste, usw. unsere Amygdala auf Trab. Manches davon können wir verändern, einiges nicht. Aber eines können wir:

Indem wir die Amygdala beruhigen, verändern wir unsere Körperphysiologie. Das Autonome Nervensystem, das Hormonsystem, sogar das Immunsystem erfährt Erholung. Und ist damit offen für Neues.

Unsere Haltung gegenüber uns selbst und gegenüber unserer Umgebung verändert sich! Es ist, als wenn wir uns eine andere Brille aufsetzen und auf einmal alles, auch im außen, anders erscheint.

Gute Voraussetzungen für Veränderung. Dann kann es sogar leicht gehen. Denn wir befinden uns nicht im Widerstand, im Flucht- oder Kampfmodus, nicht im reaktiven Muster.

Nochmal zurück zu dem Beispiel:

Für mich ganz persönlich hilft in der besagten abendlichen Situation Folgendes: Nicht „Oh, jetzt sollte ich mich noch bewegen, Sport machen, wie anstrengend“ denken und damit einen Widerstand aufbauen. Alternativ lege ich eine Matte aus und mache erstmal gar nichts. Manchmal beginne ich, meine Hände zu kreisen, ohne Ziel, ohne eine bestimmte Zeit im Blick zu haben. Die Bewegungen spüren, hinschauen und atmen. Nach und nach komme ich mit meinem Körper und wieder mit mir selbst in Kontakt. Ich genieße die kleinen Bewegungen und wie sie sich über die Muskeln und Faszienketten in die Schultern und den Rücken fortsetzen. Nach anfänglich beschwerlichen Bewegungen, fange ich an, es zu genießen. Mal mehr, mal weniger kommen andere Bewegungen dazu. Manchmal fahre ich nochmal richtig hoch. Manchmal bleibt es bei 5 Minuten. In beiden Fällen bin ich anschließend runtergefahren, erholter und offen eine weitere Abendgestaltung.

Soweit die Theorie und die (ideelle) Praxis. Jetzt kommt aber die Realität. Irgendwie stimmt mit dieser Erzählung etwas nicht. Und das ist der Knackpunkt! Hier beißt sich nämlich die Katze in den eigenen Schwanz.

Die Amygdala mit oben genannten Übungen zu beruhigen bedeutet ja auch, etwas entgegen der Gewohnheit zu tun. Das löst wiederum Stress aus.

Also was hilft an dieser Stelle? Eine simple Gegenüberstellung:

Die Freude oder der Genuss der neuen Aktivität muss größer als der Stress der Veränderung sein. Ein kleiner Schritt, der den Stein ins Rollen bringen kann. Wir sind einen großen Teil unseres Alltags damit beschäftigt, dringende Dinge zu erledigen. Wichtiges bleibt allzu häufig auf der Strecke. Zum Beispiel sich selbst zu spüren und das als positiv zu empfinden.

Eine kleine Übung als Idee. Stell Dir diese Frage: Wo im Körper spüre ich meinen Drang zu leben? Ganz grundlegend. Wo habe ich ein „Ja“ zum Leben. Oder sich morgens einmal fragen: Warum stehe ich auf? (Hier: Alle Gedanken wie „Ich muss, ich sollte, ich mache immer“ einmal beiseitelassen. Du  musst gar nichts.) Wo im Körper regt sich was. Das ist ein Gefühl, das wir „Lebendigkeit“ nennen können. Für jede/n unterschiedlich.

Dann die Frage: was wäre eine Bewegung, die diesem Gefühl einen körperlichen Ausdruck gibt? Dann diese Bewegung machen. Als Spiel und als Ausprobieren. Ganz wichtig: egal was kommt, es ist Dein eigener, ganz subjektiver und intimer Ausdruck. Das ist nie komisch, seltsam oder irgendwie sonst zu bewerten.

Das ist eine Übung, die die Schwelle, eine genussvolle körperliche Erfahrung zu machen, möglichst weit senkt. Für manche Menschen ist es ganz selbstverständlich, sich zu bewegen oder mit dem eigenen Körper in Kontakt zu sein. Andere empfinden Scham oder Angst. Je nachdem welche prägenden Erfahrungen wir in unserer Biografie gemacht haben. Doch wo auch immer wir stehen, solange wir leben, haben wir in uns diesen Funken von Lebendigkeit in uns, dem wir zu Ausdruck verhelfen können. Gelingt es uns alle äußeren Maßstäbe von richtig und falsch für einen Moment zu parken und kommen wir mit diesem Ort in uns in Kontakt, können wir ganz leibhaftig erleben, wie sich Gesundheit in uns entfaltet.

Also, Lücke schaffen! Amygdala beruhigen und schauen was passiert!

Vielleicht einen Moment von Handlungsfähigkeit erfahren. Von Freiheit. Von Selbstbestimmung

Was sind Deine Erfahrungen damit?

Wie bemerkst Du die Momente, in denen Du nach 1000 Mal A zum ersten Mal B machst?

Woher kommt diese innere Bewegung, es anders auszuprobieren?

 

Herzliche Grüße,
Jonte

Liebe Leute, 

heute gibt es eine Ergänzung zum Februar-Brief und dem Essay.

Im Essay schreibe ich, dass Willenskraft oft nicht ausreicht, um gewünschte Veränderungen umzusetzen.

Gehen wir das erste Mal nach langer Zeit wieder laufen, sind unsere Zellen schnell unterversorgt mit Sauerstoff: Das fühlt sich wie ersticken an. Setzen wir uns auf Diät, leiden die Zellen einen kalorischen Mangel: Das fühlt sich wie verhungern an. Mit Willenskraft dagegen an ist schwierig.

Unsere Körperphysiologie in Form von autonomen Nervensystem und Hormonsystem macht uns einen Strich durch die Rechnung. Letzten Monat habe ich daher von günstigen Voraussetzungen geschrieben, die diese Systeme offen für Veränderung machen. (Wer erst später hier dazu gekommen ist, kann mich gerne anschreiben, dann sende ich die letzten Briefe nochmal direkt.)

Jedoch:

Willenskraft ist nichts Schlimmes, Gefährliches oder zu Vermeidendes. Im Gegenteil, sie kann uns dienen und das Leben erleichtern und in manchen Situationen sogar das Zünglein an der Waage sein. Also gewusst wie und sie wird unsere Freundin!

 

Nummer 1 Willenskraftfaktor: Schlaf.

Wir wissen für uns, ob hier etwas in Schräglage ist. Die Diagnose ist also einfach. Meist sind wir uns auch über die Folgen von Schlafmangel oder -unregelmäßigkeit bewusst. Wir sind gereizter, greifen eher zur Schokolade und Keksen (kurze, aber nicht nachhaltige Wachmacher) und an substantielle Veränderungen ist gar nicht zu denken (heute ausnahmsweise nicht). Je müder wir sind, desto wacher ist der innere Schweinehund. Es lohnt sich, sich mit Schlafhygiene zu befassen. Hier die absoluten Basics:

  • Zum Einschlafen muss der Puls unten sein: 3-4 Stunden vorher nichts essen, keine aufwühlenden Medien konsumieren (mind. 2 Std) oder Arbeiten tätigen. Eine kleine Dehnsession oder Atemübung hilft weiter.
  • Gleichbleibenden Rhythmus halten, d.h. möglichst immer gleiche Einschlaf- und Aufwachzeit. Wir sind Tag- und Nachtrhythmische Tiere, alle Körpersysteme pendeln sich darauf ein. Je nach Schlaftyp, verschieben sich die 7-9 Stunden in ihrer Lage (Nachteule vs. Lerche), wichtig ist der gleiche Rhythmus.
  • Tagsüber: viel echtes Tageslicht und Bewegung
  • Abends: Umgebung ohne grelles Licht, kühles Zimmer
  • Morgens: keinen Kaffee oder sonstige Aufputschmittel die ersten 90 Minuten nach dem Aufstehen. Unser Nerven- und Hormonsystem gewöhnt sich dran, verlernt die natürliche Schlaf-Wach-Regulation und  ist dann auf die externe Zufuhr angewiesen (Abhängigkeit). Ein paar Tage durchhalten, der Kopfschmerz kann uns viel lehren, dann ist auch schnell Ruhe. Und plötzlich stehen wir erholt und voller Tatendrang auf, anstatt uns an die Kaffeemaschine zu schleppen.
  • Abweichungen dürfen sein. Manchmal lassen Umstände das Einhalten unserer Routine nicht zu. Gelassen bleiben, sonst lässt uns der Stress, unser starres Muster unbedingt aufrechtzuerhalten, nicht gut schlafen.

 

Nummer 2 Perspektive auf Willenskraft:

Der anteriore Midcingulate Cortex (aMCC) ist eine Gehirnstruktur, die sehr zentral im Gehirn liegt. Er gilt als Hauptschaltzentrale für Willenskraft, Beharrlichkeit, Motivation und Energiehaushalt. Vor allem: Er bewertet Anstrengungen bei schwierigen Aufgaben. Der aMCC wird aktiver und vergrößert sich, wenn wir ihn benutzen: Beim Verlassen der Komfortzone!

Wir können das üben mit Kleinigkeiten. Nach und nach werden wir willensstärker. Jedes Mal, wenn etwas Überwindung kostet, kommt bei mir der Gedanke:

AHA, hier kann ich meinen Willenskraft-Muskel im Gehirn trainieren. Einfach so, ohne Beitrag im Fitnessstudio!

Beispiele:

  • morgens den linken kleinen Zeh kalt abduschen. Wenn diese Aufgabe mit Mut gemeistert ist, nach einer Woche den ganzen Fuß ausprobieren. Und dann so weiter, immer ein kleines bisschen mehr, als die eigene Befindlichkeit es eigentlich zulassen würde.
  • __________ Hier vielleicht gedanklich 3 persönliche alltägliche Herausforderungen eintragen
  • Oder ganz klassisch: Aufräumen, Steuererklärung, Rasenmähen

    Drehen wir den Spieß hier mal um. Wenn der aMCC verkümmert ist, wird jede Alltagsentscheidung in der wir körperlich etwas aktiv sein müssen (und sei es nur kurz den Müll rausbringen) zu einer Überwindung. Wir nehmen dann unsere Befindlichkeit als Maßstab. Diese holt sich Informationen vom aMCC, welcher ganz klar sagt: „Nö, zu viel Aufwand, will ich nicht leisten, steht in keinem Verhältnis zum Energieaufwand, mach mal nicht!“ So werden unsere Alltagsverantwortlichkeiten immer von einem inneren Abwägen, Widerstand und Reibung begleitet – auf Dauer mühselig.

    Nummer 3 Vorgehen

Identitäts-Shift. Was das ist? Für die Erklärung hole ich etwas aus.

Beispiel: Eine Veränderung scheint uns sinnvoll. Wir bewerten sie und befinden: „Das ist nichts für mich, das bin ich einfach nicht!“. Die Veränderungen würden an unserer Identität/Persönlichkeit/Selbstbild rütteln – und die werden um jeden Preis geschützt! Soweit so menschlich.

Es ist zunächst ein gedanklicher Schritt, diesen Mechanismus zu hinterfragen. Haben wir in der Vergangenheit Erfahrungen gemacht, die negativ, schmerzhaft, beängstigend oder beschämend waren, so meiden wir diese Erfahrungsräume verständlicherweise. Tun wir dies über lange Zeit, wird die Vermeidung zu einem Teil unserer Identität. Wir schneiden uns von dieser Möglichkeit, das Leben, unseren Körper oder Bewegung zu erfahren, ab. Ein Ausdruck von Selbstentfremdung.

Mit diesem können wir natürlich gut leben, weil wir gut darin sind, zu kompensieren. Uns stehen diese Selbstzuschreibungen auch zu! Wir stehen dann für uns ein, unsere Befindlichkeit ist unser Kompass und wir können moralisch einwandfrei unser früh etabliertes reaktives Muster ausleben.

Wichtig: Das von außen zu beurteilen liegt mir absolut fern! Das Verständnis für diese Mechanismen eignet sich nur für den eigenen Blick in den Spiegel! Andere (z.B. Partner*in) damit zu Veränderungen zu drängen oder zu analysieren, öffnet dem nächsten Streit Tür und Tor. Falls Zweifel bestehen: einfach mal ausprobieren … und danach wieder vertragen.

Jedoch: Es zu verstehen, gibt uns für uns ganz persönlich, vielleicht einen kleine Raum zu etwas mehr wirklich freiem Willen.

Vielleicht ist unsere Befindlichkeit nicht immer der beste Maßstab zu entscheiden. Versuchen wir mit Willenskraft gegen unsere Identität an, brauchen wir viel davon. Wir arbeiten gegen uns selbst, gegen einen Teil von uns, der Gefahr läuft zu sterben, wenn wir auf einmal etwas anderes machen.

Praktisch können wir uns diesen Mechanismus wie folgt zunutze machen:

Ganz einfach eine andere Identität annehmen, die Veränderungen sind dann folgerichtig und Ausdruck eben jener neuen Identität. Es ist kaum Willenskraft notwendig, weil das ja dann WIR sind.

Ganz so einfach ist das nicht, aber Möglichkeiten gibt es schon. Besonders empfänglich und offen für Veränderungen hier sind wir in sehr entspannten Zuständen. Diese sind auch charakterisiert durch eine Nähe zum Unbewussten. Zum Beispiel vor dem Schlafen gehen oder beim Aufwachen.

In diesem Grenzbereich können wir Teile unserer Identität „umprogrammieren“. Indem wir uns selbst visualisieren wie wir:

  1. .. mit der gewünschten Veränderung aussehen würden
  2. .. uns mit der Veränderung anfühlen würden, ganz körperlich

    – Welche Emotionen kommen dann?

Es geht um das Vorstellen einer emotional aufgeladenen, verkörperten und möglichst visuellen Erfahrung des Ergebnisses. Wiederholen wir dies mehrfach, morgens und abends, prägen wir unser Unterbewusstsein mit neuen Erfahrungen. Es vermag nicht zu unterscheiden, ob sie wirklich passiert sind. Im Wachzustand werden Entscheidungen in der Folge häufiger und mit Leichtigkeit in eine neue Richtung ausfallen. Denn auf einmal bestätigen wir mit dem neuen Verhalten unsere Identität anstatt sie herauszufordern.

Was auch hilft: Krise (den Karren komplett gegen die Wand fahren und mit der eigenen Sehnsucht Kontakt kommen, siehe Essay) oder sich verlieben („Für Dich mache ich alles!“).

 

In diesem Sinne, auf einen freien Willen und einen wachen Geist!

Herzliche Grüße,

Jonte

Liebe Leute,

diesen Monat gibt es was kürzeres. Hier ein schöner Satz, ein innerer Appell an mich selbst, der mir hilft, mich auszurichten:

Das Wesen erkennen durch die Hinwendung zum Wesentlichen.

Was das Wesentliche ist, darf zum Glück jeder für sich selbst entscheiden.

Das Wesen von Körper und Bewegung erschließt sich für mich durch den Gebrauch, das Tun.

Alle meine Worte, Gedanken und Konzepte haben immer nur dieses eine Ziel: die praktische Erfahrung zu vertiefen.

Sie sind zunächst Krücken, dann Brücken. Brücken auf denen wir gehen, um bei uns selbst anzukommen. Brücken vom Kopf in den Körper.

Häufig wird in unserer Gesellschaft, die von Informations- und Reizüberfluss geprägt ist, von Orientierung gesprochen, wenn schlaue Konzepte und wissenschaftliche Erkenntnisse vermittelt werden. Sich an sie zu klammern, kostet viel Mühe, trennt uns allzuhäufig von der eigenen Erfahrung ab und viele Ideen sind in Stresssituationen ohnehin nicht abrufbar geschweige denn umsetzbar.  

Mir ist es daher ein Anliegen, diese Orientierung verlagern: vom Außen (Konzepte und Meinungen) ins Innere (basierend auf leibhaftigen Erfahrungen).

Dafür braucht es einen Zugang zu sich und dem eigenen Körper und Nervensystem.

Für viele von uns ist es keine angenehme Erfahrung im eigenen Körper zu sein. Schmerzen, Steifigkeit, Trägheit oder Scham sind nachvollziehbare Gründe, sich in andere Welten zu flüchten, sich zu betäuben oder sich um die „richtigen“ Konzepte zu streiten – allseits anerkannte Formen der Selbstentfremdung.

Die Art und Weise, wie wir unseren Alltag gestalten, lässt auch wenig Zeit für die Kultivierung von Körper, Bewegung und Nervensystem. Deswegen ist mir eine alltagstaugliche Umsetzung so wichtig. Nicht als „von oben verordnet“, sondern als frei getroffene Wahl, aus einem inneren Bedürfnis heraus.

Ein Leben, in dem Bewegung und unser Körper keine lästigen, problembehaftete Mittel zu Zweck sind, sondern der natürliche Ausdruck unserer Lebendigkeit. An diesen Ausdruck heran zu kommen gelingt vortrefflich über den Satz am Anfang: Wesentliches tun. Aufstehen, Gehen, Laufen, leichtes Klettern über Steine, umgefallene Bäume oder sonstige Hindernisse, auch mal sprinten, irgendwo hochziehen, (schwere) Dinge tragen und vieles mehr.  Sich in der Art und Weise zu bewegen, wie es in unserer Anatomie und Physiologie angelegt ist, knipst unsere Sehnsucht nach körperlicher Handlungsfähigkeit an. Denn durchs Tun erinnern wir uns an das, was in uns angelegt ist. Unser Wissen kann uns dabei helfen, einen logischen ersten Schritt zu gehen. Die leibhaftige Erfahrung inspiriert uns, weiter zu gehen. 

Vollzeitleidenschaft statt Feierabendbeschäftigung.

Selbstkultivierung statt Selbstoptimierung. 

Die Osteopathie unterstütz diesen Weg, indem sie nicht nach Krankheit sucht, sondern Gesundheit findet. Soweit die vollmundige Behauptung.

Mal lösen wir Blockaden und Spannungsmuster, damit sich der Organismus regulieren und aktualisieren kann. Mal gestalten wir die Umgebung für das Gewebe so, dass er dies von alleine von innen heraus tut.

Ein ganz natürlicher und alltäglicher Prozess, der manchmal feststeckt und Unterstützung benötigt. Unterstützung, die wir uns auch selbst zukommen lassen können. Dazu in den nächsten Briefen mehr.

Ein Hinweis für alle, die in den nächsten zwei Wochen im Wendland auf der KLP (Kulturelle Landpartie) unterwegs sind:

Was die Verbindung von Bewegung und osteopathischer Selbstbehandlung praktisch bedeuten kann, darum geht es in vielen meiner recht interaktiven Vorträge. 

Von diesen gibt es in den nächsten beiden Wochen 3 Stück mit dem Titel „Osteopathie erleben“ mit anschließender Fragerunde. Gerne weitersagen!

Die Termine sind:

15.05. 14 Uhr in Salderatzen (Ding der Möglichkeit)

23.05. 14 Uhr in Karwitz (Hof Kastania)

24.05. 14 Uhr in Salderatzen (Ding der Möglichkeit)

Ich würde mich freuen, die eine oder den anderen dort persönlich kennen zu lernen.

In jedem Falle wünsche ich weiterhin einen schönen Frühling  und die einen oder anderen lebendigen Momente im kalten Nass der nächsten Tage.

Herzliche Grüße,
Jonte

Liebe Leute,

 

mir scheint es manchmal, dass wir uns mit einem gewissen Grad an Schmerzen, Steifigkeit und Symptomverwaltung abgefunden haben. 

Wenn ich mir Kinder anschaue: Viele bewegen sich frei. Am Boden krabbeln und robben, sie stehen auf, rennen los, klettern und kämpfen, wie es ihnen gerade in den Sinn kommt. Lebendig, geschmeidig und spontan. Irgendwann im Laufe unseres Lebens haben wir diesen natürlichen Bewegungsausdruck verloren, überlagert oder im Namen des zivilisatorischen Fortschritts verkümmern lassen – häufig gibt es gute Gründe dafür. Aber weg ist er nicht. Eigentlich müssten wir für unsere körperliche Handlungsfähigkeit nur eben diesen Zugang wieder herstellen. Der Zugang zu Genuss und Freude an Bewegung.

Wenn ein Kind laufen lernt, dann probiert es das immer wieder, fällt hin und steht auf. Die Neugierde, der unbedingte Wille, selbst der Frust sind Antrieb, es wieder zu probieren. Disziplin ist noch ein Fremdwort, es tut es aus einem innersten Bedürfnis. Welch körperliche Selbstermächtigung. Das ist unser evolutionäres Erbe.

Dieses Erbe für sich wieder zu entdecken, zu realisieren und zu leben, dafür baue ich Brücken. Vom Kopf in den Körper, zwischen Wissen und Erfahrung. Ich erlebe Aufrichtung, Kontakt zu mir, meinen Mitmenschen und der Umwelt.

Diese Brücken baue ich mal mit anderen zusammen, meist für mich allein. Weil es mir wieder ein inneres Bedürfnis geworden ist. Es macht Spaß, sich körperlich zu erinnern und diese Entfaltung von Lebendigkeit nicht nur zu beobachten (zu konsumieren), sondern selbst zu erfahren.

Unser Körper, unser Gewebe, unser Nervensystem – alles ist darauf ausgelegt, sich anzupassen. Wir adaptieren an das, was wir machen. Sitzen wir viel, werden wir gute Sitzer. Bewegen wir uns, werden wir kräftiger, beweglicher und richten uns auf. Bequemlichkeit spart Energie, doch unsere Lebensbedingungen sind heute andere, als zu der Zeit, als das noch notwendig war. Wenn wir im Alltag Bewegung nicht vermeiden, sondern überall annehmen, wo sie auftaucht, dann freut sich unser gesamte Organismus über die kleinen Anpassungsreize.

Fehlen diese, entwickeln wir funktionelle Beschwerden wie Bewegungseinschränkungen und Schmerzen. Die fehlenden Reize müssen wir uns dann (wissenschaftlich erwiesen und mit großem Aufwand) wieder zuführen. Das nennen wir dann evidenzbasierte Therapie oder Medizin. Die ist teuer, mühselig, mit langen Wartezeiten in Wartezimmern, kompensierend und setzt allzuhäufig zu spät an.

Also back to the roots. Warum nicht sich einen Alltag und ein Bewegungsumfeld aufbauen, in denen wir uns „artgerecht“ bewegen können?

Immer, wenn ich derzeit vor der Wahl stehe, etwas körperliches (vielleicht sogar anstrengedes) oder doch etwas anderes zu tun, stelle ich mir diese Frage: Will ich Bequemlichkeit oder Lebendigkeit in meinem Leben? 

Und immer wenn ich in Trägheit, Betäubung oder Ablenkung versacke, dann nehme ich mir die Freiheit, Bequemlichkeit gegen Lebendigkeit einzutauschen. Was mein Körper und mein Nervensystem daraus machen, das kommt dann spontan.

In diesem Sinne, einen schönen Frühling allerseits!

 

Herzliche Grüße,
Jonte

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Aufrichtung – Ausrichtung – der erste Schritt!

Für alle, die Veränderung suchen, ohne sich selbst zu bekämpfen.

Der Essay ist ein Vorgeschmack, der Newsletter geht weiter.
Den Link sende ich Dir per Mail. Ich freue mich wirklich über Austausch und Deine Erfahrungen mit diesen Themen – Viel Spaß beim Lesen!

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